Fahrerassistenzsysteme (ADAS) sind fester Bestandteil moderner Fahrzeuge und gewinnen mit der fortschreitenden Automatisierung weiter an Bedeutung. Eine korrekte Justierung dieser Systeme ist entscheidend für ihre fehlerfreie Funktion. Vor rund einem Jahr hat der ASA-Fachbereich Reifenservice, Achsvermessung und ADAS eine Projektgruppe ins Leben gerufen, um die Herausforderungen der ADAS-Justage strukturiert zu analysieren und Lösungsansätze zu erarbeiten. Unter der Leitung von Jan Wagner und Karsten Meinshausen begann die Gruppe mit der Entwicklung eines praxisnahen Leitfadens für Werkstätten. Nun wurden erste Ergebnisse präsentiert.
Warum eine Fachgruppe zur ADAS-Justage?
In der Branche gibt es zahlreiche unterschiedliche Ansätze und Meinungen zur Kalibrierung von Fahrerassistenzsystemen. Um mehr Klarheit zu schaffen, wurden Hersteller aus dem ASA-Fachbereich befragt, ob Interesse an einer gemeinsamen Projektgruppe besteht. Das Resultat war eindeutig: Zwei Drittel der angefragten Unternehmen signalisierten nicht nur Interesse, sondern auch aktive Mitwirkungsbereitschaft.
Besonderes Augenmerk liegt auf den Wechselwirkungen zwischen Fahrwerkseinstellungen und ADAS-Funktionalitäten. Eine nicht korrekt justierte Achsgeometrie kann die Leistung von Assistenzsystemen wie dem Abstandsregeltempomat (ACC) oder der Frontkollisionswarnung (FCC) erheblich beeinträchtigen.
Einfluss des Fahrwerks auf die ADAS-Justage
Die erste Arbeitsgruppe mit Schwerpunkt Fahrwerk unter Leitung von Jan Wagner hat sich intensiv mit den Auswirkungen fehlerhafter Fahrwerkseinstellungen auf die Kalibrierung von Assistenzsystemen beschäftigt. Eine zentrale Erkenntnis: Bereits geringfügige Abweichungen in der Achsgeometrie können zu falschen Sensormesswerten und damit zu Einschränkungen in der Systemfunktionalität führen.
Die Experten der Gruppe empfehlen daher, als erste Maßnahme vor der ADAS-Justage eine Achsvermessung durchzuführen. Nur wenn das Fahrwerk korrekt eingestellt ist, können Sensoren und Kameras ihre Umgebung präzise erfassen und verlässliche Daten liefern.
Acht Arbeitsgruppen untersuchen verschiedene Einflussfaktoren
Um die zahlreichen Aspekte der ADAS-Kalibrierung fundiert zu analysieren, wurde die Projektarbeit in acht spezialisierte Arbeitsgruppen aufgeteilt:
- Fahrwerk – Leitung: Jan Wagner
- Messmittel – Leitung: Thomas Koch
- Arbeitsplatzbedingungen – Leitung: Makre Imre
- Anforderungen an Kalibriersysteme – Leitung: Jens Dahlheimer
- Schulungen und Durchführung – Leitung: Andreas Zühlke
- Dokumentation – Leitung: Frank Beaujean
- Diagnose und Zugriffsmöglichkeiten – Leitung: Harald Hahn
- Technische Fahrzeugprüfung (PTI) – Leitung: Harald Hahn
Im Januar 2025 fand ein erstes Treffen der Gesamtgruppe statt, bei dem auch externe Experten hinzugezogen wurden. Helge Kienbach vom Kraftfahrzeugtechnischen Institut (KTI) präsentierte aktuelle Forschungsergebnisse zur ADAS-Kalibrierung, die in die weitere Projektarbeit einfließen werden.
Neue Herausforderungen durch moderne Fahrzeugarchitekturen
Die Weiterentwicklung von Fahrerassistenzsystemen bringt nicht nur höhere Anforderungen an die Justage mit sich, sondern auch neue Herausforderungen für Werkstätten. Besonders bei Fahrzeugen mit vernetzten Systemen und zentralen Steuergeräten können bereits kleine Abweichungen in der Sensorik Auswirkungen auf mehrere Assistenzsysteme haben.
Dazu kommt, dass viele moderne Fahrzeuge über eine Multi-Sensor-Fusion verfügen, bei der Kameras, Radarsensoren und Lidar-Systeme gemeinsam arbeiten. Fehler in einem dieser Systeme können dazu führen, dass das gesamte ADAS-System nicht korrekt funktioniert. Das macht eine präzise Kalibrierung und regelmäßige Kontrolle der Sensorik unerlässlich.
Der Einfluss von Umweltbedingungen auf die ADAS-Justage
Neben der Fahrzeugarchitektur beeinflussen auch Umweltfaktoren die ADAS-Justage. In der Praxis zeigt sich, dass Temperaturveränderungen, Luftfeuchtigkeit und sogar Beleuchtungsbedingungen in der Werkstatt Auswirkungen auf die Messgenauigkeit haben können.
Besonders bei der Kalibrierung von Kamerasystemen ist eine gleichmäßige und blendfreie Beleuchtung erforderlich. Auch Bodenreflexionen oder Spiegelungen in der Werkstatt können die Sensoren beeinflussen und zu fehlerhaften Kalibrierungen führen. Daher sollten Werkstätten ihre Arbeitsumgebung optimal anpassen, um eine hohe Messgenauigkeit sicherzustellen.
Schulungsbedarf für Werkstätten steigt
Die zunehmende Komplexität der ADAS-Justage macht eine fundierte Schulung der Werkstattmitarbeiter unerlässlich. Die Projektgruppe hat festgestellt, dass es in vielen Betrieben an Wissen über die richtige Vorgehensweise bei der Kalibrierung mangelt.
Eine fehlerhafte ADAS-Justage kann schwerwiegende Folgen haben, da Assistenzsysteme wie Notbremsassistenten oder Spurhalteassistenten auf falsche Sensordaten reagieren könnten. Um das zu verhindern, sind regelmäßige Schulungen notwendig, die sowohl die technischen Grundlagen als auch praktische Anwendungen abdecken.
Welche Rolle spielt die Diagnose bei der ADAS-Justage?
Ein weiterer zentraler Aspekt bei der Kalibrierung von Fahrerassistenzsystemen ist die Diagnose. Moderne Fahrzeuge speichern eine Vielzahl von Daten zu Fahrwerksparametern, Sensorstatus und Systemabweichungen.
Die Experten der ASA-Projektgruppe betonen, dass vor jeder ADAS-Justage eine gründliche Fehlerdiagnose durchgeführt werden sollte. Nur so lassen sich vorhandene Störungen oder Fehlfunktionen frühzeitig erkennen und beheben, bevor die Kalibrierung beginnt. Auch nach der Justage ist eine abschließende Systemprüfung essenziell, um sicherzustellen, dass die Assistenzsysteme korrekt arbeiten.
Ein ASA-Leitfaden für mehr Klarheit und Praxisorientierung
Ziel der Projektgruppe ist die Erstellung eines ASA-Branchenleitfadens, der eine praxisnahe Hilfestellung für Werkstätten und Prüforganisationen bietet. Dabei geht es nicht primär um die Festlegung spezifischer Toleranzwerte oder Normen, sondern um ein grundlegendes Verständnis für die Zusammenhänge zwischen verschiedenen Fahrzeugsystemen und deren Einfluss auf die Assistenzsysteme.
Durch die enge Zusammenarbeit zwischen Herstellern, Verbandsvertretern und externen Fachleuten soll eine praxisgerechte Handlungsempfehlung entstehen, die sich an den realen Anforderungen im Werkstattalltag orientiert.
Fazit und Ausblick
Die ersten Ergebnisse der Projektgruppe unterstreichen die enge Verbindung zwischen Fahrwerkseinstellungen und der Funktionsfähigkeit von Fahrerassistenzsystemen. Eine präzise Achsvermessung wird als unverzichtbare Voraussetzung für eine zuverlässige ADAS-Justage angesehen.
In den kommenden Monaten werden die weiteren Arbeitsgruppen ihre Erkenntnisse vertiefen und die Ergebnisse in den ASA-Leitfaden einfließen lassen. Die Veröffentlichung des Leitfadens ist für das Jahr 2025 geplant. Quelle: ASA